Zumindest nicht so, wie ich es lange dachte.
Als ich anfing, mich mit biodynamischem Gärtnern zu beschäftigen, hatte ich das Gefühl, dass Rudolf Steiner das alles aus dem Nichts erschaffen hatte. Das Gärtnern nach Rhythmen beschrieb Steiner. Die Präparate trug er zusammen. Den Hof als Organismus hatte er gedacht. Alles war irgendwie Steiner. Doch je mehr ich mich erkundigte, desto weniger stimmig fühlt sich dieses Bild an, und ein anderes tritt an seine Stelle.
Ein Prinzip, das viel älter ist als 1924
Der Landwirtschaftliche Kurs, den Rudolf Steiner 1924 in Koberwitz hielt, gilt als Geburtsstunde der Biodynamik. Und ja, als definierte Methode mit diesem Namen stimmt das. Aber das Prinzip dahinter, nämlich den Hof, den Garten, das Land als lebendigen Organismus zu begreifen, ist so alt wie der Ackerbau selbst.
In den frühen Hochkulturen lebten Menschen in einem tiefen, noch instinktiven Einklang mit den Rhythmen des Kosmos. Die urpersische Kultur entwickelte bereits die Fähigkeit, kosmisch-planetarische Rhythmen bewusst im Umgang mit Pflanzen und Tieren einzusetzen. Erste Kulturpflanzen und Haustiere entstanden nicht durch Zufall, sondern durch dieses Gespür.
Im alten Ägypten war die Landwirtschaft ein Organismus im Naturwachstum. Die Nil-Überschwemmung brachte die Fruchtbarkeit, der Mensch lenkte sie, aber er stellte sich nicht über sie.
Das Mittelalter und eine Ehe, die ich in meinem Garten erkenne
Die vielleicht entscheidendste Metamorphose geschah im Mittelalter. Benedikt von Nursia prägte das Prinzip „ora et labora“, bete und arbeite. Landwirtschaft wurde zu etwas Ganzem.
Erstmals wurden Viehhaltung, Ackerbau sowie Obst- und Gartenbau zu einem geschlossenen Kreislauf innerhalb einer Dorfgemeinschaft verbunden. Die Tiere lieferten Dünger für den Acker. Der Acker lieferte Futter für die Tiere. Kein Glied funktionierte ohne das andere.
Ich erkenne das in meinem eigenen Garten wieder. Wenn ich den Mist meiner Hühner auf den Kompost werfe, tue ich etwas, das Menschen seit Jahrhunderten getan haben, nur mit dem Unterschied, dass ich heute weiß, warum ich es tue. Für meine Pflanzen. Für den Boden. Für den Kreislauf, der meinen Garten am Leben hält.
Was Steiner wirklich geleistet hat
Als die Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Landwirtschaft zu mechanisieren begann, drohte dieses alte Wissen verloren zu gehen. Die Quellen, die ich dazu gelesen habe, nennen das treffend den „Kulturtod“ der Landwirtschaft.
Steiner hat dieses instinktive, über Jahrtausende gewachsene Prinzip nicht erfunden. Er hat es in eine Zeit übersetzt, in der das instinktive Wissen nicht mehr ausreichte, weil es schlicht nicht mehr vorhanden war. Er hat es bewusst gemacht, hat ihm eine wissenschaftliche Sprache gegeben und damit gerettet, was sonst vielleicht verschwunden wäre.
Das ist keine Kleinigkeit. Aber es ist etwas anderes, als alles aus dem Nichts zu erschaffen.
Warum das für mich einen Unterschied macht
Wenn ich heute der Amsel in meinem Garten zuhöre und denke, wie leer und still dieser Garten ohne Vögel wäre, dann ist das kein romantischer Gedanke. Das ist ein Stück von diesem alten Bewusstsein, das wieder auftaucht.
Wenn ich einen Regenwurm in der Erde sehe und weiß, dass er gerade dabei ist, meinen Boden zu lockern, dann nehme ich etwas wahr, das Menschen schon immer wahrgenommen haben, auch wenn sie es nicht so nennen konnten.
Biodynamik ist für mich deshalb nicht das System eines einzelnen Mannes, dem ich folge oder nicht folge. Es ist eine Methode, die ein uraltes Prinzip in eine Form gebracht hat, die ich heute anwenden und verstehen kann. Den größten Teil davon möchte ich gern gehen. Und das fühlt sich stimmig an.
Herzlichst,
Eure Katrin
Quelle:
Manfred Klett Von der Agrartechnologie zur Landbaukunst







