Manchmal entdecke ich in unserem Garten angefressene Blätter oder eine Raupe auf einer Pflanze. Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht: „Oh nein, schon wieder ein Jemand, der meine Pflanzen zum Fressen gern hat.“
Heute seht ihr das bei mir anders.
Nicht jede Raupe ist ein Problem. Im Gegenteil, viele gehören zu Schmetterlingen und Nachtfaltern, die in einem gesunden Garten eine wichtige Aufgabe übernehmen.
Nachtfalter arbeiten, wenn wir schlafen
Tagsüber summen Bienen von Blüte zu Blüte und überall flattern Schmetterlinge durch den Garten. Nachts übernehmen andere Tiere diese Aufgabe. Viele Nachtfalter besuchen Blüten, die sich erst am Abend öffnen oder besonders intensiv duften. Dabei tragen sie Pollen von einer Pflanze zur nächsten und bestäuben Blüten, die tagsüber oft kaum besucht werden. Deshalb gehören auch Nachtfalter zu den Bestäubern. Man sieht sie nur viel seltener bei der Arbeit.
Raupen gehören zum Garten dazu
Natürlich fressen Raupen Blätter. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber in einem lebendigen Garten ist das völlig normal. Die meisten Pflanzen verkraften diesen Fraß problemlos. Dafür entsteht etwas viel Wertvolleres, nämlich Nahrung für viele andere Tiere. Wenn ich eine Raupe entdecke, frage ich mich deshalb zuerst, was daraus einmal wird. Häufig steckt dahinter ein wunderschöner Nachtfalter.
Der Schlehenspinner
Der Schlehenspinner legt seine Eier vor allem an Schlehen, Weißdorn und verschiedenen Obstgehölzen ab. Die Raupen ernähren sich von den Blättern dieser Gehölze und werden wiederum von Vögeln gefressen. Die erwachsenen Falter fliegen nachts und helfen bei der Bestäubung verschiedener Pflanzen. Wer Schlehen oder Weißdorn im Garten oder in der Nähe hat, schafft also gleichzeitig Lebensraum für diese faszinierende Art.
Der Zimtbär
Auch der Zimtbär gehört zu den Nachtfaltern, die ich gern im Garten sehe. Seine Raupen leben unter anderem an Brennnesseln, Ampfer, Brombeeren und anderen Wildpflanzen. Genau deshalb lasse ich an manchen Stellen bewusst eine kleine wilde Ecke stehen. Nicht jeder Quadratmeter muss picobello aussehen. Aus den Raupen entwickeln sich später wunderschöne Falter, die nachts Blüten besuchen und gleichzeitig Fledermäusen sowie vielen Vögeln als Nahrung dienen.
Und dann stand ich vor dieser Raupe
Vor Kurzem bin ich auf drei weitere Arten gestoßen, die ich euch nicht vorenthalten möchte: den Weidenbohrer, die Hausmutter und den Buchen-Streckfuß.
Am meisten hat mich der Weidenbohrer verblüfft. Ich habe ihn im Wanderurlaub mit meiner Mutter entdeckt, er war geradewegs auf unserem Weg unterwegs. Seine Raupe wird bis zu zehn Zentimeter lang, rötlich beigebraun mit dunkelrotem Rücken und schwarzem Nackenschild, und ist damit eine der eindrucksvollsten Raupen überhaupt, die einem in Mitteleuropa begegnen können. Sie lebt zwei bis vier Jahre im Holz von Weiden, Pappeln, Erlen, Birken oder auch Apfel- und Birnbäumen und bevorzugt dabei geschwächte oder abgestorbene Bäume. Als ich sie vor mir hatte, konnte ich kaum glauben, dass eine Schmetterlingsraupe so groß wird. Das Bild seht ihr oben.
Die Hausmutter und den Buchen-Streckfuß habe ich dagegen bei mir im Garten gefunden. Die Hausmutter kannte ich vorher nur als Nachtfalter, der abends gerne durchs offene Fenster hereinflattert. Ihre Raupen sind Allesfresser und ernähren sich von Wiesen-Sauerampfer, Löwenzahn, Brennnessel, Gräsern und gelegentlich auch von Kulturpflanzen wie Kohl. Sie überwintern als Raupe im Boden und verpuppen sich erst im folgenden Frühjahr.
Der Buchen-Streckfuß wiederum ist ein echter Allrounder unter den Blattfressern. Seine Raupen fressen an Haselnuss, Birke, Eiche, Rotbuche, Salweide, Apfel, Eberesche oder Hopfen und tragen einen auffälligen, rostroten Haarpinsel am Hinterleib. Auch dieser Falter fühlt sich in Laubwäldern ebenso wohl wie in Gärten und Parkanlagen.
Drei ganz unterschiedliche Begegnungen also, eine unterwegs und zwei direkt vor der Haustür, und genau das freut mich am meisten. Es zeigt mir, wie viel Vielfalt einem begegnet, sobald man genauer hinschaut, egal ob im eigenen Garten oder auf einem Wanderweg.
Nahrung für viele Tiere
Mir wird immer wieder bewusst, wie eng im Garten alles miteinander verbunden ist. Wo Nachtfalter leben, finden Fledermäuse ausreichend Nahrung. Vögel sammeln die Raupen für ihre Jungen. Spinnen und andere räuberische Insekten ernähren sich ebenfalls von ihnen.
Entferne ich alle Raupen, fehlen plötzlich vielen anderen Tieren wichtige Nahrungsquellen. Ein Garten besteht eben nicht nur aus den Pflanzen, die ich ernten möchte.
Was Nachtfalter über einen Garten verraten
Viele Nachtfalter reagieren empfindlich auf Pestizide, sterile Gärten und starke Beleuchtung in der Nacht. Tauchen verschiedene Arten regelmäßig auf, ist das oft ein gutes Zeichen. Der Garten bietet Nahrung, Rückzugsorte und genügend Vielfalt.
Für mich ist das fast schöner als jede perfekte Gemüseernte, denn es zeigt, dass der Garten nicht nur für uns Menschen funktioniert, sondern für viele verschiedene Lebewesen.
Und die Laternen bei mir im Garten
Wenn ich ehrlich bin, muss ich hier auch bei mir selbst anfangen. Bei mir stehen Laternen im Garten, und ich lasse sie abends brennen, weil es einfach gemütlich ist.
Erst beim Recherchieren für diesen Artikel wurde mir klar, wie groß der Effekt davon tatsächlich ist. Der NABU schätzt, dass in jeder Sommernacht in Deutschland rund eine Milliarde Insekten an Lampen sterben, viele davon Nachtfalter, weil sie sich an heißen Oberflächen verbrennen oder sich bis zur völligen Erschöpfung um das Licht drehen. Über 90 Prozent der etwa 3000 Schmetterlingsarten in Deutschland sind nachtaktiv, das Ausmaß betrifft also nicht ein paar Einzelfälle, sondern den Großteil aller Falter.
Selbst wenn eine Raupe das Licht überlebt, kann es trotzdem Folgen haben. Bei einigen untersuchten Nachtfaltern hat künstliches Licht die Bildung von Pheromonen gestört, wodurch Männchen und Weibchen sich schlechter finden und deutlich weniger Nachkommen entstehen.
Ich werde meine Laternen deshalb nicht komplett abschaffen, aber ich fange an, bewusster hinzuschauen. Warmweißes LED-Licht mit geringem Blauanteil lockt weniger Insekten an als klassisches, kaltweißes Licht. Auch eine Zeitschaltuhr oder ein Bewegungsmelder sorgen dafür, dass nicht die ganze Nacht durchgehend Licht brennt. Und bodennahe Leuchten, die direkt in Beete oder auf Sträucher strahlen, will ich mir in Zukunft noch einmal genauer ansehen.
Es ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie viel man im eigenen Garten noch entdecken kann, auch bei Dingen, die man schon lange ganz selbstverständlich macht.
Und bei mir im Garten
Seit ich mich intensiver mit Biodynamik beschäftige, schaue ich viel genauer hin. Früher habe ich Raupen oft nur als Blattfresser wahrgenommen. Heute frage ich mich zuerst, welchen Schmetterling oder Nachtfalter ich da eigentlich vor mir habe.
Deshalb beobachte ich lieber erst einmal. Die Natur erledigt vieles von selbst. Das ist eine der schönsten Erfahrungen im Garten: Je mehr Leben ein Garten zulässt, desto stabiler wird er mit der Zeit.
Herzlichst,
Eure Katrin







