Letztes Jahr saß auf einem von unseren Rhabarberblättern ein großes Insekt. Als ich näher kam, sah ich, dass es eine Libelle war. Das hat mich überrascht, denn unser Garten ist wirklich klein und ich hätte nicht gedacht, dass sich so ein Insekt hierher verirrt. Bisher kannte ich diese nur vom Urlaub an einem See, den wir als Kinder jedes Jahr mit unseren Eltern besuchten. Jedenfalls wurde mir in diesem Moment bewusst, dass die Natur ihren Weg zurück zu uns Menschen findet, genauso wie wir unseren Weg zurück zu ihr finden können.
Bei uns sind es vor allem Bienen, Wildbienen und Hummeln, die wir regelmäßig im Garten beobachten. Sie sind die treuesten Besucher unserer Blüten, von den Obstbäumen im Frühjahr bis zu den letzten Kräutern im Spätsommer. Früher schenkte ich dem ganzen Treiben nicht mehr Aufmerksamkeit als: „Oh, jetzt summt es wieder.“ Seit dem ich mich mit den biologisch-dynamischen Denken und Schriften beschäftige, sieht das Ganze etwas anders aus.
Ich gebe zu, zu Beginn konnte ich manchen Ausführungen nicht Folgen, doch was mir sehr half war: „was wäre, wenn diese Geschöpfe nicht da wären?“ Diesen Gedanken greife ich später nochmal auf und ich versuche euch eine Welt mit anderen Denkmustern und seltsamen Begriffen näher zu bringen.
Insekten als Teil der Seele des Gartens
In der biodynamischen Sichtweise wird ein landwirtschaftlicher Organismus, also ein Hof oder, wie in unserem Fall, ein Garten, als ein Lebewesen mit eigener Ordnung verstanden. Die Tierwelt, und mit ihr die Insekten, gehört zu dem, was als Seelenorganisation oder Astralleib dieses Organismus bezeichnet wird.
Soll heißen, hier ist die Seele. Dieser Garten/ Lebewesen mit einer eigenen Ordnung, entsteht durch Kräfte, die mit dem Sonnenlicht aus dem Kosmos einstrahlen. Jede Insektenart trägt dabei auf ihre eigene Weise zu dieser Kräftigung bei, soviel schonmal zu den seltsamen Wörtern.
Insekten gelten als die Tiergruppe, die im Element der Wärme lebt. Sobald im Frühjahr die Sonne kräftiger wird, erwacht ein ganzes Heer von Insekten und belebt die Gärten. Ihr Blütenbesuch schafft ein lebendiges geflochtenes Netz zwischen Pflanze, Tier und Umgebung.
Die enge Verbindung zur Blüte
Besonders deutlich wird diese Zusammenwirken zwischen Insekt und Pflanze bei der Blüte. Insekten ernähren sich bevorzugt von Nektar und Pollen, beides Ergebnisse von Wärmeprozessen in der Pflanze. Rudolf Steiner brachte diese Verbindung in einem bekannten Bild auf den Punkt, er nannte den Schmetterling eine „befreite Blüte“ und die Blüte einen „gefangenen Schmetterling“. Die kosmischen Kräfte, die eine Blüte von außen formen, haben sich im blütenbesuchenden Insekt nach innen verdichtet.
Vielfalt als Aufgabe für uns Gärtnerinnen und Gärtner
Aus dieser Sichtweise ergibt sich eine ganz praktische Aufgabe für uns. Fast jeder Baum und jedes Kraut dient als Nahrungsgrundlage für bestimmte Insekten. Wer eine vielfältige Pflanzenwelt schafft, fördert damit automatisch das Insektenleben. Hochstamm-Obstbäume und Wildgehölze gelten als besonders wertvoll, denn eine ausladende, artenreiche Baumkrone oder Hecke bietet vielen verschiedenen Insektenarten zugleich Lebensraum und Nahrung.
Wir müssen dafür keinen Hof bewirtschaften. Schon ein Garten mit blühenden Stauden, ein paar Wildkräutern am Rand und vielleicht einem Hochstamm-Obstbaum kann zu einem kleinen Zuhause für viele verschiedene Insekten werden. Und manchmal, wie bei unserer Libelle auf dem Rhabarberblatt, zeigt sich dann etwas, mit dem wir gar nicht gerechnet haben.
Herzlichst,
Eure Katrin
Quelle:
Rudolf Steiner, „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“ (Landwirtschaftlicher Kurs), 1924.







