Es war ein später Nachmittag im Sommer, der Himmel leicht bedeckt. Ich hatte das Präparat 500 vorbereitet, stand in meinem kleinen Garten und fragte mich, ob ich alles richtig mache. Das Rühren, dieses gleichmäßige, rhythmische Kreisen, beruhigte meine Ungewissheit. Der Duft von feuchter Erde und das leise Glucksen des Wassers taten ihr übriges. Es war kein spektakulärer Moment, eher ein ruhiger. Aber einer, der mich daran erinnerte, warum ich überhaupt angefangen hatte, so zu gärtnern: um der Erde etwas zurückzugeben.
Ich könnte nicht behaupten, dass ich sofort eine Veränderung im Boden gespürt hätte. Es wäre übertrieben. Aber das gute Gefühl blieb, das Wissen, dass diese Handlung Teil eines größeren Zusammenhangs ist, in dem der Boden mehr ist als nur Träger von Pflanzenwurzeln.
Das Hornmistpräparat: Ursprung und Bedeutung
Das Hornmistpräparat, auch „Präparat 500“ genannt, gehört zu den grundlegenden Feldspritzpräparaten der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Es wurde von Rudolf Steiner im Rahmen der Landwirtschaftlichen Kurse 1924 eingeführt und soll, wie er es formulierte, „die Lebenskräfte des Bodens erwecken“.
In der heutigen biodynamischen Praxis gilt es als eine Art Impulsgeber für Bodenleben und Wurzelentwicklung. Im „Arbeitsheft Nr. 2: Anleitung zur Anwendung der biologisch-dynamischen Feldspritz- und Düngerpräparate“ (Wistinghausen et al.) wird seine Wirkung so beschrieben:
„Das Hornmistpräparat wirkt in erster Linie über den Boden und das Wurzelsystem, aber auch über den Blattbereich der Pflanze und stärkt deren Wachstum. Es fördert allgemein die Lebenskraft in Boden und Pflanze.“
Diese Beschreibung wirkt schlicht, aber sie fasst einen komplexen Prozess: Die Mischung aus Hornmist und Wasser soll den Boden anregen, organische Substanz in Lebensenergie zu verwandeln. In der Sprache der Biodynamik bedeutet das, die Verbindung zwischen den irdischen und kosmischen Kräften zu stärken, zwischen dem, was wächst, und dem, was wirkt.
Meine persönliche Meinung ist dazu, dass wenn es nicht so phantasievoll Beschrieben wäre, die Menschen wohl einen leichteren Zugang zur Biodynamik hätten. Nun da ich mich tiefer damit beschäftige, mit Fachvorträgen und geologischen Prinzipien finde ich es Nachvollziehbar, ohne Hokuspokus Pokus.
Anwendung im kleinen Garten
Im Arbeitsheft wird empfohlen, das Präparat im Frühjahr und Herbst zu spritzen, vorzugsweise an Nachmittagen oder Abenden, bei bedecktem Himmel, wenn der Boden leicht feucht und bewegt ist. So steht es dort, und so versuche ich es auch in meinem Garten umzusetzen.
Ich verwende Regenwasser, das ich in der Küche leicht erwärme, bevor ich es in ein Tongefäß gieße. Das Präparat wird mit einem Holzlöffel dynamisiert, abwechselnd rechts- und linksherum gerührt, bis sich in der Mitte ein kräftiger Strudel bildet und dann wieder auflöst. Dieses Rühren dauert eine Stunde. In dieser Zeit verändert sich das Wasser: es ist lebendiger.
Ich führe die Arbeit meist an einem Wurzeltag nach Maria Thun durch, wenn Pflanzen im Einklang mit den unterirdischen Kräften stehen. Es ist keine evidenzbasierte Regel, sondern meine persönliche Auslegung der Zusammenhänge, die Thun in ihren Forschungen über kosmische Rhythmen und Pflanzenentwicklung aufgezeigt hat.
Anschließend wird die Flüssigkeit fein über den Boden gespritzt, mit einem Handbesen, einer Bürste oder einem einfachen Sprühgerät. Im biodynamischen Verständnis soll das Präparat so den Kontakt zwischen Erde und Atmosphäre stärken.
Vom Rühren zum Bodenleben
In der Praxis des biodynamischen Gärtnerns gibt es keine Einzelmaßnahme, die allein wirkt. Ich denke, dass die Verbesserung meiner Bodenstruktur nicht nur auf das Hornmistpräparat zurückzuführen ist, sondern auf die Summe vieler kleiner Handlungen: Kompostgaben, Mulchschichten, oberflächliches Lockern, Gründüngung und eben das Spritzen der Präparate.
Doch das Präparat 500 besitzt einen besonderen Charakter. Es ist eine Art Vermittler, zwischen dem Lebendigen und dem Stofflichen. In der Beschreibung von Wistinghausen heißt es, es „aktiviert die Fähigkeit der Pflanze, sich mit Hilfe der Wurzelsymbionten stärker mit dem Mineral zu verbinden“. Das heißt, der Boden wird in seiner Aufnahmefähigkeit gestärkt, seine Struktur stabilisiert, seine Feuchtigkeit gleichmäßiger verteilt.
Boden, der Hornmist erhalten hat, wird oft als krümeliger, atmungsaktiver, „ruhiger“ beschrieben. Wer regelmäßig damit arbeitet, spricht von einer gesteigerten Lebendigkeit: Regenwürmer, Pilzmyzel, fein verzweigte Wurzeln. Keine spektakuläre Veränderung, man kann eher einen Prozess beobachten, der sich über Jahre verdichtet.
Eine nachvollziehbare Vorstellung von Kräften
Ich sehe das Präparat nicht als spirituelles Mittel, sondern als eine nachvollziehbare Form der Bodenpflege. Die Vorstellung, dass Kräfte wirken, dass es Rhythmen, Resonanzen und Wechselwirkungen gibt, erscheint mir plausibel, auch wenn sie wissenschaftlich schwer zu fassen ist.
Denn vieles, was wir im Boden beobachten, lässt sich nur indirekt messen: das Krümelgefüge, die Durchlüftung, das Zusammenleben von Mikroorganismen. Das Hornmistpräparat ist eine Möglichkeit, diese unsichtbaren Beziehungen zu fördern. Oder, wie es der Bodenkundler Christian von Wistinghausen formulierte:
„Es ist das innere Leben der Erde, das sich mit dem Duft herauszuheben beginnt, kaum dass die Pflanzenwelt erscheint.“
Diese Perspektive berührt mich, weil sie eine Haltung zur Erde ausdrückt: Achtung, Geduld, Zusammenarbeit. Nicht als Technik, sondern als Kulturpraxis.
Bodenpflege im kleinen Maßstab
Wer denkt, biodynamische Präparate seien nur für große Höfe, täuscht sich. Auch ein Garten von 30 Quadratmetern kann Träger solcher Prozesse sein. Das Hornmistpräparat braucht keine Maschinen, kein Labor. Nur etwas Wasser, Zeit und Aufmerksamkeit.
In der Anleitung von Wistinghausen wird die Ausbringungsmenge auf landwirtschaftliche Verhältnisse bezogen, etwa 120 bis 300 Gramm Präparat auf 40 bis 60 Liter Wasser pro Hektar. Im Hausgarten kann man sich einfach an den Verhältnissen orientieren: eine kleine Portion Präparat auf einen Eimer Wasser genügt, fein verteilt auf Beete, Wege und Wiesen. Aus diesem Grund suche ich Menschen, die Lust auf eine „Rührgemeinschaft“ haben. So können Präparate und Arbeiten geteilt werden. Meldet euch gern bei mir. Nun weiter im Text:
Ich spritze den Hornmist in der Zeit von Frühjahr bis Herbst meist dann, wenn der Boden bearbeitet oder neu bestellt wird. Es ist ein unspektakulärer, aber ruhiger Moment. Ein Ritual, das mich erdet, im wörtlichen Sinn.
Fazit: Arbeit am Fundament
Das Hornmistpräparat 500 ist keine Wunderlösung, sondern Teil eines größeren Verständnisses von Boden. Es verbindet die Pflege der Erde mit einem Bewusstsein für Rhythmen und Kräfte, die weit über das Sichtbare hinausreichen.
Für mich ist es eine Praxis, die im Kleinen beginnt, im eigenen Garten, mit einer Stunde Zeit und einem Tonkrug. Vielleicht ist das der Kern des biodynamischen Gärtnerns: die Arbeit am Fundament, nicht an der Oberfläche.
„Wer den Boden pflegt, pflegt das Leben“, dieser Satz könnte aus keinem Lehrbuch stammen, sondern aus Erfahrung. Und genau dort gehört er hin.
Herzlichst
Eure Katrin
Quelle:
Wistinghausen, C. v., Scheibe, W., Heilmann, H., Wistinghausen, E. v., König, U. J. (Hrsg.): Anleitung zur Anwendung der biologisch-dynamischen Feldspritz- und Düngerpräparate. Arbeitsheft Nr. 2. Verlag Lebendige Erde, Darmstadt.







